David Grossman

Foto: Sabine Lohmüller

*1954 in Jerusalem.

David Grossman ist der Sohn von Shoah-Überlebenden und einer der bedeutendsten Schriftsteller der israelischen Gegenwartsliteratur, dessen Bücher mehr als 30 Sprachen übersetzt wurden. Seit den 70er Jahren ist David Grossman Aktivist für einen Frieden mit den Palästinensern: er wurde deshalb in den 70er Jahren vom staatlichen Radiosender entlassen, für den er als Korrespondent und Moderator tätig war. Neben Amos Oz setzt er sich unermüdlich für eine Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern sowie für eine faire Teilung des Landes ein und gehört zu den Unterzeichnern der Genfer Friedensinitiative von 2003. Die aktuelle Politik der israelischen Regierung lehnt er ab: den massiven Ausbau der Siedlungen auf palästinensischem Gebiet, die Ablehnung internationaler Vermittlung, die Abkehr von der Zweistaatenlösung.

Zu seinen Publikationen gehören die im Hanser Verlag erschienenen Texte Diesen Krieg kann keiner gewinnen, Die Umarmung und Aus der Zeit fallen. Während er seinen Roman Eine Frau flieht vor einer Nachricht schrieb, fiel im August 2006 sein Sohn Uri 20-jährig als israelischer Soldat in den letzten Stunden des zweiten Libanonkriegs. Das hat, schreibt Grossman im Nachwort des Romans, „den Resonanzraum der Wirklichkeit verändert, in dem die letzte Version entstand“. 2008 erhielt Grossman den Geschwister-Scholl-Preis, 2010 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Zur globale° 2017 besucht Grossman Bremen mit seiner tragikomischen Farce Kommt ein Pferd in die Bar (Hanser 2016). Für dieses Buch wurde der Autor 2017 als erster Israeli mit dem „Man Booker International Prize“ ausgezeichnet. Für Grossman ist diese Auszeichnung auch „ein wichtiges Zeichen der Ehre für unsere Sprache“, die 1.800 Jahre lang eine ‚ruhende Sprache‘ gewesen sei. „Es ist ein echtes Phänomen, dass die hebräische Sprache in den letzten 120 Jahren wiederbelebt wurde, aus ihrem langen Schlaf erwacht ist und eine Alltagssprache geworden ist.“

In seinem gesamten literarischen Werk spiegelt der Autor und Friedensaktivist das Leben und Leiden in Nahost wider. Seine Bücher behandeln Krieg, Terror und die immer wieder enttäuschten Hoffnungen auf Frieden in der Region. Zwei Themen ziehen sich durch die vielen Bücher, die er seit mehr als dreißig Jahren geschrieben hat: die Folgen der Shoah für mehrere Generationen der betroffenen Familien und die tiefgreifenden Beschädigungen und Verwundungen, die das Leben im dauernden Kriegs- und Bedrohungszustand in Israel mit sich bringt. In deutschen Zeitungen und in Interviews bezieht er Stellung zu aktuellen Problemen:

„Die Macht des Terrors besteht darin, dass er nur ganz wenig tun muss, um die Stimmung in einer gesamten Bevölkerung zu verändern, so dass sich über Nacht die Menschen umbesinnen. Sie werden es nach wenigen Terroranschlägen sehen: Dann greift der Rassismus um sich. Und genau das wollen die Terroristen erreichen. Sie wollen das Gewebe der Gesellschaft auflösen und zerstören. Sie wissen ja, wenn sie in Deutschland oder Frankreich Anschläge verüben, dann ermuntern sie die Wählerschaft geradezu, eine radikalere Regierung zu wählen. Und wenn dann eine ausgesprochen rechtsextremistische Regierung die Oberhand gewinnt, dann spüren die Mehrheitsmuslime, die moderaten Muslime, dass sie mehr und mehr von der Teilhabe an der nationalen Identität ausgeschlossen werden, ob nun hier in Deutschland oder in Frankreich. Und weil sie von der nationalen Identität zunehmend ausgeschlossen werden, wenden sie sich der religiösen Identität zu, ja zu fanatischen oder fundamentalistischen Identitäten, und das wiederum facht dann zusätzlich den Terror an.“(DLF 2017)

Lesung: Kommt ein Pferd in die Bar (Hanser 2016)