Decamerone Brezna

Kranke Partnerin

Gesellschaftssatire von Irena Brežná

„Warum ist Ihre Migräne nicht mitgekommen?“, fragte mich die Empfangsdame an der Gala.

„Sie hat sich letztes Jahr von mir verabschiedet“.

„Doch nicht für immer? Sie war so süß. Hoffentlich finden Sie bald einen Ersatz.“

Ohne meine kranke Partnerin bin ich nicht gesellschaftsfähig. Wenn das so weitergeht, werde ich vor lauter Gesundheit noch schizophren. Der gesellschaftliche Druck ist enorm. Manche halten den symptomfreien Zustand nicht aus und tun sich etwas an. An der Gala hat sich herumgesprochen, dass ich verlassen worden bin. Den ganzen Abend saß ich da – man sagt nicht mehr „wie eine Aussätzige“. Der Aussatz wurde im Rahmen der Aktion Diskriminierende Wörter raus!in Zusatz umbenannt. Nur meine Schwägerin Gulnara erkundigte sich, wie ich so ganz partnerlos zurechtkäme. Sie riet mir zu einer Hauterkrankung, mit zuverlässigen Schuppen liiert müsse man nichts erklären und sei akzeptiert.

Unsere Gesellschaft reagiert allergisch auf scheinheilige Perfektion. Das wird anthropologisch begründet – wir haben eine Menge Narben der Evolution. Während wir uns beeilt haben, von den Ästen herunterzukommen, konnten sich weder Fuß noch Wirbelsäule dem Wanken anpassen. Der Strauß hatte 230 Millionen Jahre länger Zeit, um seinen Fuß zu vervollkommnen. Miteinander verschmolzene Bänder und Knöchelchen lassen ihn nicht umkippen. Meinen Bildungshunger sättige ich mit der Lektüre von Vermischten Meldungenoder auf der Seite Wissen. Regelrechte Fressattacken nach Wahrheit überfallen mich. Die Konstruktion des Homo erectus sei eine einzige Pfuscherei, stand im Artikel Leider sind wir kein Strauß. Unweigerlich ist die Krankheit der ständige Begleiter dieses Wracks. Sogar eine Wanderheuschrecke überflügelt uns. Die Kutikula ihres Beins ist eine robuste Luxusausgabe aus Chitin und Protein, um ein Mehrfaches biegsamer als unsere Knochenbruchbude. Und erst ihre Sprungfähigkeit!

Als es noch modern war, vorzugeben nicht zu leiden, machte uns die Tyrannei der Verdrängung krank. Jetzt wollen wir ohne Falschheit und selbstbestimmt krank sein. Die Urfrage War zuerst der Mensch oder die Krankheit?wurde endlich beantwortet – sie waren von Anfang an ein Paar. Die Globuli-Mafia, die stets damit drohte, der Krankheit jedes Organ zu entreißen, wurde eliminiert. Die flüchtigen Homöopathen werden steckbrieflich gesucht. Zum Glück darf Gulnara im Beisein eines Schamanen weiter energetisches Stuhlen praktizieren, dessen Wirkung auf Alkoholsucht konnte nämlich nicht bewiesen werden. 

Hoch im Kurs sind monogame feste Partnerschaften. Die bei jedem Schritt stöhnende Präsidentschaftskandidatin mit der eingetragenen Partnerschaft Rheuma gewann die Wahlen und nicht der Gegenkandidat mit seiner flatterhaften Syphilis. Rheuma ist seriös, von der Evolution vorgesehen und charakterfördernd. Die sich krümmende Präsidentin hat Verständnis für die Nöte des Homo maladus. Dass Schmerz läutert, wissen masochistische Völker, sie verehren geistige Führer, die Jahre lang Kopfstand machen, um mit statischer Akrobatik ihre Götter versöhnlich zu stimmen. Bei uns ist kein ekstatisches Leiden im Trend, sondern ein auf gesundes Maß begrenztes. Die Partnerschaft mit ein, zwei Gebrechen trägt man locker und selbstverständlich.

Exzentriker, die mit einem Dutzend Liebschaften prahlen – sie rekrutieren sich meist aus der Gruppe der Betagten – lösen Konsternation aus. Mit Krankheiten kreuz und quer herumzuhuren, in einem Alter, in dem ein gefestigtes Körperbewusstsein erwartet wird, ist passé. Prüderie ist wieder in. Eine Partneranhäufung ist zudem unsolidarisch, das ist, als würde jemand fürs Betthüten hohe Boni kriegen. Das Volk ruft nach dem Ende des Missbrauchs. Ein Normalo kann sich kaum mehr als zwei Partnerinnen leisten.

Gulnara ist Messie, sie sammelt Krankheiten aus Zwang, bis sie kein Plätzchen mehr für eine Grippe hat. Wehe dem Chirurgen, der ihr den Knorpel aus der Nase heraushauen will, gleich gerät sie in Panik, kein einziges Leidchen will sie hergeben. Svätoslavko, mein Jüngster, hüpft wiederum von einem Wehwehchen zur nächsten Schürfwunde, bis ich ausraste:

„Paar dich, bitte schön, mit einer chronischen Erkrankung und gib Ruhe!“

Behauptet ein beziehungsunfähiger Egomane, er sei gesund, krankt er bloß an Unehrlichkeit. Solche unattraktiven Exemplare werden geächtet. Wie erotisch es dagegen ist, wenn ein Gentleman hinkt. Es ist einer Dame durchaus gestattet, ihm übers künstliche Kniegelenk mit der harten Titanbeschichtung zu streicheln. Gulnara lernte in Kursen Mantras, um ihre Füße anzubeten:

„Ihr habt mich Jahrzehnte lang getragen, ihr seid so vollkommen“.

Dabei litt die Ignorantin an Verstauchungen, Hornhaut, Fußpilz, Plattfüßen, Bänderrissen – alles ganz normale Folgen für einen Nichtstrauß. Solche Verherrlichung von Körperteilen wirkt im säkularen Krankenland blasphemisch. Im Park sieht man zuerst die Gicht, und erst dann trottet das Herrchen oder Frauchen hinter her. Gulnara kommandiert ihre Paradentose samt Neurose wie einen zugelaufenen Köter herum. Vorsicht ist geboten, so eine Partnerin ist sensibel, sie kann sich beleidigt davonmachen, und schon fällt man in die labile partnerlose Phase.

Die Ratgeberliteratur empfiehlt: „Schreiben Sie einen Abschiedsbrief an das liebe verflossene Leiden, um Raum zu schaffen für ein neues“. Vielversprechend ist, über jenes Organ zu meditieren, das man sich krank wünscht. Die Partnerwahl soll nicht dem Zufall überlassen werden. Zuflüsterer versprechen, Kontakt mit dem Geist des Auserwählten aufzunehmen. Sie fragen das Magengeschwür oder den Haarausfall, ob sie Lust hätten zu kommen. Gewisse Erkrankungen sind starke Individuen und lassen sich nicht verführen.

Da hilft die Inkarnationstherapie. Unter Hypnose sah sich meine Tante Klothilde als Mätresse eines genialen Nationaldichters aus der Romantik, und kaum hatte sie diese Inkarnation erkannt, stellte sich bei ihr bipolare Depression ein. Dann fragte sie sich, woher ihre ständigen Bauchschmerzen kämen. Ach ja, aus dem 16. Jahrhundert: Klothilde war damals eine hübsche Bäuerin gewesen, die neunzehn Geburten absolviert hatte und während der letzten Routinetat, als herrliche Zwillingsknaben, übrigens eineiig, ins elende Dasein hinausgepurzelt sind, starb sie am ungewohnt leeren Bauch.

In der Museumsnacht besuchte ich die Ausstellung Schlacht im Sumpf. Eine scharfe Erkenntnis wie ein Lanzenhieb, der einst den Kopf eines rekonstruierten Soldaten getroffen hatte, durchbohrte mich. Da lag vor mir meine frühere Inkarnation im Kettenhemd. Der Schmerz übersprang im Nu zweitausend Jahre, und schon erwischte mich die Migräne. Die Ahnenreihe bis in die siebte Generation zu kennen, bleibt weiterhin ein Muss. Manch ein Urgroßvater tickt in uns weiter. Der Urenkel wuchs in dem Zimmer auf, wo sein Ahne Selbstmord begangen hatte. Kein Wunder, stehen dann Suizidgedanken als Partnerinnen auf seiner Visitenkarte. Erkennt der Nachkomme den Zusammenhang, stellt sich Lebenszauber ein und als bestes Erbstück bekommt er die Gürtelrose der Ururgroßmutter.

Vor jedem Haus liegen einbalsamierte Tote. Die Trottinettdiebe entwenden sie nicht, obwohl die Ahnen nicht angekettet sind. Der wohltuende Einfluss der Verstorbenen legt beim weiblichen Geschlecht Grundlagen für die begehrte Karriere der Einbalsamiererin. Der Hundefrisösentraumjob fiel dadurch auf den zweiten Platz.
Die Kommunikationsseminare Wie rede ich mit meinem Intimus?sind ausgebucht. An der Krankheitsbörse kränkelt es rege. Ist man seiner schlechteren Hälfte überdrüssig geworden, tauscht man sie für eine noch schlechtere ein. Süchtige, die jeden Tag eine neue Flamme brauchen, lassen sich von der Treppe herunterstoßen oder sitzen ohne Nasenkondom im Fumoir. Die Kosten für die Anzeigen Offen für Neues oder Wo bist du? übernehmen die Partnerkassen. An der Tombola gewinnt man ein niedliches Krankheitchen – für Kinder eine willkommene Eintrittskarte in die Gesellschaft. 

Vergnügungsparks bieten praktische Ansteckungsmöglichkeiten. Doch obwohl Infektionskrankheiten die Chance für Durchfall erhöhen, haben sie es schwer, salonfähig zu werden. Ethnische Gruppen werden stigmatisiert, sie würden Viren verbreiten. Dabei sind die Winzlinge keine Rassisten, sondern progressive Internationalisten. Um nationale Abwehrreflexe haben zu können, bräuchten die Einfaltspinsel schließlich ein Gehirn.

Die feste Partnerin, die uns geformt, die wir zuerst gehasst und dann gepflegt und liebgewonnen haben – mit der lässt man sich gerne einäschern. Wer möchte schon, kaum wurde man angehustet oder abgeleckt, an einer gewöhnlichen Epidemie wie Krethi und Plethi sterben? Da hilft die Kampagne wenig, die bei der Bevölkerung um Akzeptanz für einen viral bedingten Tod wirbt. Sie heißt nicht Achtet auf Viren!, sondern Achtet Viren!.