Decamerone Rakusa

Feri // Evi

Zwei Erzählungen von Ilma Rakusa

Feri

Geschichten erzählen, oh ja, gegen das Alleinsein, gegen die Angst, gegen die bösen Geister. Die stecken gerade alle im Virus, das Corona heißt, auch wenn wir uns unter „Krone“ lieber etwas Schönes und Herrschaftliches vorstellen. Ob es uns hört, das Biest? Ob es weicht, das vermaledeite Ding? Ob es seine Krallen und Zacken einzieht, die es auf unsere Lungenbläschen abgesehen haben? Husch! Und nochmals: Husch! Nur ist die Geschichte, die mir einfällt, nicht eben heiter.

Feri hatte die Angewohnheit, zweimal pro Stunde zu pinkeln. Warum zweimal, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass er im Theater und Kino immer hinausschlich, weil er es bis zur Pause nicht durchhielt. Ein Blasenfuzzi, schlimmer als alte Frauen. Dabei trank er nur mäßig Bier. Er spielte Gitarre, aber nicht konzertreif. Er sang, brachte es aber nicht weit. Was ihm vorschwebte, verpuffte irgendwo im Himmel. Nachts klammerte er sich an seine Stofftiere, davon hatte er einen ganzen Zoo. Den Löwen Dorian, die Giraffe Lea, das Hündchen Piccolo, den Seehund Tremolo, den Elefanten Oskar, die Bärin Kleopatra, den Delphin Jonas, die Katze Soundso, den Tiger Bonifaz, das Schaf Benedikt und einen Frosch namens Motz. Sie waren beste Freunde, ohne Widerrede und Spott. Denn Feri fürchtete sich panisch vor Spöttern. Sein Seelenkostüm war zum Zerreißen dünn. Bitte nein!, flehten seine großen braunen Augen, nicht schon wieder. Machte er etwas falsch? Was reizte die andern, ihn hochzunehmen? Dass er laute Selbstgespräche führte? Dass er auf die Toilette rannte?

Feri hatte mich einmal geküsst, Ecke Gips- und Große Hamburger Straße, ganz spontan. Ich glaube, er dachte sich nichts dabei. Wir hatten beim Japaner gegessen und zwei Asahi-Bier getrunken, er philosophierte über die Kunst der Enthaltsamkeit. Ich nickte zustimmend, von Askese verstehe ich etwas. Sammle Kräfte, entflieh dir nicht. Jede unnötige Verausgabung schmälert deinen Energiehaushalt. Zen-Buddhisten dachten so, auf ihre Weise auch die kampferprobten Samurai. Feri sympathisierte mit den Mönchen. Fehlte nur, dass er sich den Kopf rasieren ließ und in lange Gewänder hüllte.

„Wo willst du denn ankommen?“

„Ankommen? Bei mir selbst.“

„Und um welchen Preis?“

„Enthaltsamkeit ist doch kein Opfer. Das ist eine Technik zur Vervollkommnung.“

„Du willst also vollkommen sein?“

„Ein Stück weit. Bis ich Licht am Ende des Tunnels sehe.“

Wir aßen japanische Ente in Soja-Sauce, Feri mochte keinen rohen Fisch. Er war Tiefland-Ungar mit Steppengenen, den es nach Berlin verschlagen hatte. Flach war es auch hier, sonst aber fremd und anders. Vielleicht darum die Stofftiere.

Mit dem Lob der Askese verlieren wir gutgelaunt das Lokal. Dann, an der Ecke, der Kuss. Das hieß wohl: dir kann ich vertrauen, du verstehst, was ich meine. Ja, ich verstand.

Wir trafen uns meist kurzfristig. Feri rief an, sagte: Hättest du heute abend Zeit, ich bin ganz in deiner Nähe. Und ich: O.K., um acht bei „Bötzow privat“. Er kam pünktlich. Liebevoll teilten wir uns ein tellergroßes Wienerschnitzel – half for you, half for me – , dann flohen wir vor Lärm und Gerüchen ins Freie. Feri himmelte den Mond an, er sah darin Gesichter und Krater, Adern und Gelächter. „Mein geheimnisvoller Trabant“, murmelte er vor sich hin. Vielleicht war er mondsüchtig. Ich führte ihn in dunkle Hinterhöfe, die im Mondlicht plötzlich durchsichtig erschienen. Lange schaute er sich um, als suchte er nach Phantomen. Offenbar stand er auf gutem Fuß mit Phantasiewesen, deren Silhouette im Mondschein glänzte. „Black Beauty“, hörte ich ihn sagen. Dann schnaufte er schwer.

Wir stolperten über Pflastersteine, wir griffen nach Sternen und Laternen. Feri war kein stummer Begleiter, er führte Selbstgespräche oder lachte laut auf. Und manchmal packte er mich am Arm: „Sag mal, hast du eigentlich nie Angst?“ „Höchstens vor Drachen mit glühenden Augen“, sagte ich. „Und vor Luftlöchern, wenn ich fliege.“ Damit gab er sich nicht zufrieden. „Und wenn der Nebel aus allen Ritzen kriecht? Und wenn dir das Wasser bis zum Hals steht?“ „Fragt sich, welches Wasser“, stellte ich mich dumm.

Wir streiften durch die Nacht, das gefiel ihm. Keine Eile, keine Pflichten, keine Cliquen, nur er und ich. Wenn er dringend musste, pisste er an eine Hauswand. Ich drehte mich weg. „Es ist so schwerelos mit dir.“

Das war es wirklich, weil uns nichts Ernstes verband. Die Frage, ob ich ein Kind wollte, hatte mit ihm nichts zu tun. Er wusste nicht einmal, dass mich die Sache umtrieb, bis in den Schlaf hinein. Er lebte in seiner eigenen Welt, die von Träumen und Stofftieren bevölkert war, in seiner Enthaltsamkeitskapsel, die ihn vor Übergriffen schützte. Selber ein Kind, ein großes Kind.

Irgendwo tranken wir einen Minzentee, es war spät. Gegenüber vom Monbijou-Park warteten die Mädchen in kniehohen weißen Lacklederstiefeln auf Kundschaft. Feri mochte sie nicht ansehen. Er sagte: „Im Sommer geh ich Spargel stechen.“ Damit hatte ich nicht gerechnet.

Für Überraschungen war Feri jederzeit gut. Aus seinem Innenleben konnte klug werden, wer wollte. Da hausten Mönche und Monster, Musiker und Plüschtiere. Es grummelte, blökte, grölte, quakte, es stöhnte, flüsterte, flötete, schnarchte. Er war viele, wie viele, konnte ich nie feststellen. Bis zuletzt nicht.

Wir trafen uns, und trafen uns nicht. Wir fuhren hinaus zu den Seen, um zu schwimmen und in glühender Hitze Gebäck zu knabbern. Nie machte mir Feri Komplimente, nie versuchte er, sich mir plump zu nähern. Wir waren zwei Enthaltsamkeitskumpel, die als schräges Duo durch die Welt segelten. Nicht ohne Stil und Grandezza.
„Hallo, kommst du auf einen Song?“ Das hieß, er wollte mich verwöhnen. Mit Liedern und einem Teller Spaghetti, ich sollte für einen Abend die Königin sein. Das ließ ich mir gefallen. Während er kochte, streichelte ich die Stofftiere, jedes nach Bedarf. Und mir war, als dankten sie es, jedes auf seine Art.

Feri, Feri, Grenzgänger zwischen Tag und Nacht. Was trieb dich an jenem 27. Oktober in jenen zwielichtigen Park? Warum hast du nicht Bashô gelesen, ein wenig meditiert und mich angerufen? Ich weiß, du hattest diese Fluchtreflexe. Bloß raus aus der Wohnung, als wäre dir deine eigene Gesellschaft unerträglich.

Das Schicksal schlüpfte in die Gestalt eines Mannes, der dich im Dämmer niederschlug, dir das Wenige, das du auf dir trugst, abnahm und verschwand. Man fand dich erst am Morgen. Hirnblutung, Koma. Wenn ich dich im Spital besuchte, hattest du den Gesichtsausdruck eines schlafenden Kindes. Mehlweißes Gesicht, eine Strähne schwarzen Haars. Ich sprach zu dir, ich wiederholte deinen Namen und den deiner Stofftiere. Ich sang dir ungarische Wiegenlieder. Ich wartete auf dein Lächeln. Immer wieder. Woche für Woche.

Du bist nicht aufgewacht. Ruhe in Frieden, mein geliebter Enthaltsamkeitskünstler.

Evi

Evi trug oft auch im Winter Kniestrümpfe, sie wollte nach Frühling aussehen. Blond, hell gekleidet, mit hoher Barbie-Stimme. Ihre Vorfahren stammten aus Skandinavien. Waräger-Mädchen, nannte ich sie. Manchmal auch Eis-Jungfrau. Kalt war sie nicht, ich meine unnahbar. Aber sie legte Wert auf natürliche Distanz. Und wirkte vornehm mit ihren dreissig Jahren.

Warum Zürich? Eigentlich sehnte sie sich ans Meer, an gelbe Ostseestrände. Nun war sie an einem See gelandet, mit Blick auf schneebedeckte Berge. Der Job, der Zufall, egal. Nach und nach fand sie Gefallen am Alpinen, wir fuhren zusammen ins Engadin, wo die Seen enzianblau waren und vom Malojawind gezaust, und steil hinunter ins Bergell, wo Alberto Giacometti aufgewachsen war, zwischen Granit, Gneis und nochmals Granit. Dächer aus Stein, Brunnen aus Stein, Gassen aus Stein, eine Symphonie in Grau, und Evi lachte wie verrückt, als hätte sie Albertos Geheimnis erraten. In Promontogno assen wir Buchweizennudeln, mit Mangold garniert und mit Käse überbacken, dann kurvten wir uns hinunter ins italienische Chiavenna. Unterwegs erzählte mir Evi, Italien sei lange ihr Traumland gewesen, ihr „O Sole mio“, aber nur aus der Ferne. „Ich kannte es nicht, ich träumte von Klischees.“
Blitzschnell kam mir die Idee, sie fabelhaft zu überraschen. In Piuro bog ich von der Hauptstraße ab und fuhr den Hang hoch. „Und jetzt?“ „Wart mal ab.“ Wenig später standen wir vor dem Palazzo Vertemate Franchi, von aussen ein strenges Jagdschloss, umgeben von Fischteichen, Weinbergen und Edelkastanien, aber innen: Wow! Alle Säle mit Fresken ausgemalt, in feinster Manier. Bald schwindelte uns der Kopf von Göttern, Musen und mythologischen Szenen, von Tierkreiszeichen, Medusen und Seeungeheuern. „Himmel“, rief Evi, „das reinste Bildlexikon!“ „Ja, ja“, nickte die junge Führerin und ihre grünen Augen blitzten. In den Schlafräumen Baldachinbetten, unglaublich einladend. Ganz unvornehm flüsterte Evi: „Hineinhechten, das wär was.“

Dann Gänge mit Ahnenporträts und getäfelte Zimmer, ein Speisesaal mit meterlangem Tisch und riesigem Kamin. Hier sass die Jagdgesellschaft, ass und trank, erzählte sich deftige Geschichten, während die Scheite knisterten. Was wenig später kam, wusste keiner.
Anfang September 1618 begrub ein Bergsturz die Seidenhandelsstadt Piuro unter sich, nur der hoch am Hang gelegene Palazzo überstand die Katastrophe. Aus Dankbarkeit, so die Legende, verbrannte man auf dem Gelände einige Hexen, die angeblich zum Unheil beigetragen hatten. Evi zuckte zusammen. Beim Hinausgehen winkten wir einer anmutigen Diana und blauprustenden Delphinen, grüssten die Kassettendecken und eleganten Öfen und drückten unserer Grünäugigen ein Trinkgeld in die Hand.
„Na?“

„Unbeschreiblich.“
In der Kapelle bekreuzigte ich mich, Evi studierte das Dekor. Und Adieu.

Die Sonne stand schon ziemlich tief, als wir ins Auto stiegen. In Chiavenna herrschte Corso: alles drängte sich in der schmalen Einkaufsstrasse, die Cafés waren voll. Wir tranken einen Prosecco und sahen den Flanierenden zu. „Italien“, sagte Evi, „so hab ich’s mir vorgestellt. Kind und Kegel, fröhliches Gedränge, es duftet nach Kaffee. Ich bestell mir noch einen Espresso.“ An Obst- und Gemüseläden vorbei schlenderten wir zur steinernen Brücke, bewacht vom Heligen Nepomuk. Unten schäumte die Maira. Oben verglühten die Berggipfel im Abendrot.
Die Nacht verbrachten wir im Hotel Bregaglia in Promontogno, wo wir zu Mittag gegessen hatten. „Aber kein zweites Mal Buchweizennudeln“, sagte Evi entschieden. „Let’s have something different.“ Unser Zimmer war gross und schaute talabwärts, Richtung Westen. Bei offenem Fenster konnte man das Rauschen des Flusses hören. Wir waren fast die einzigen Gäste, nur ein älteres Paar schlurfte über den mit Linoleum belegten Flur. Und der kleine Mohr über einer Brunnenschale im Entree sah einsam aus.

In der Stüa, der Wirtsstube, saßen ein paar Einheimische beim Bier. Ihr Bergellerisch hatte den Klang von Vogelrufen. „Üüüüü“, imitierte Evi mit Barbie-Stimme die Männer, sie beachteten uns nicht.

Evi, wollte ich nicht von Evi erzählen? Der Texterin, die mit mir durch Bergtäler fuhr und statt Sätzen Steine, Fresken und Farben studierte? Sie war ganz Aug und Ohr, als wollte sie alles aufnehmen und in sich bündeln für lange Zeit. Die Grossstadt war weit, aus den Manteltaschen wurden Flügel.

Beflügelte Evi. Obwohl sie an dem Abend müde war, sprach sie viel. Sie wollte sich nicht selbst sabotieren. „Weisst du, meine Mutter wünschte sich einen Sohn. Zur Welt gekommen bin ich. Wie schwierig das für sie war, hat sie mir später gestanden. Nur konnte ich nichts dafür. Dann endlich der Bruder. Ich war fünf. Sie liebte ihn abgöttisch. Arnelein, Arnelein, kleiner Schatz. Er war goldig, ich geb es zu. Von seinem Licht strahlte auch etwas auf mich ab. Und alles wäre vielleicht gut geworden, wenn…“ Evi trank einen Schluck Veltliner. „Wenn er nicht mit dreizehn erkrankt wäre. Ein Hirntumor. Man operierte einmal, zweimal, dreimal, und gab es auf. Wir mussten zusehen, wie das Strahlekind erlosch. Mit vierzehn war er tot. Und meine Mutter ein lebendiges Wrack.“

Ich ergriff Evis Hand, das hatte sie mir noch nie erzählt. Ihre Worte öffneten Wunde für Wunde. Von seitwärts sah ich auf ihr Gesicht, ihren Hals, ihre Brüste. Sie war schön. Und in diesem Augenblick traurig.

Wir aßen Grillfleisch mit Gemüse, der Rotwein schmeckte würzig.

Ob sie sich nie wieder einen Bruder gewünscht hat?

„Doch, natürlich. Ich fühlte mich ja irgendwie schuldig, dass ich noch am Leben war. Als ungeliebte Tochter. Aber es war zu spät. Über dem Tod meines Bruders zerbrach auch die Ehe meiner Eltern. Alles futsch, auf einen Schlag.“

„Möchtest du Kinder?“

„Ich glaube, schon. Wenn es soweit ist.“

„Soweit?“

„Na, du weisst schon.“

Evis Barbie-Stimme drohte zu zerspringen. Bevor sie in Tränen ausbrach, drückte ich ihr die Serviette ins Gesicht.

„Kennst du Joe, den Saxophonisten?“

„Woher sollte ich.“

„Ich bring euch mal zusammen. Ein Supermusiker und -mann.“

Gegen elf drehten wir noch eine Runde bis zur Bocciabahn, über dem Piz Badile stieg der Mond auf. Es duftete nach Wiese und Wald. Evi hatte sich beruhigt, sie ging wortlos neben mir her, ihre weissen Adidas leuchteten. „Gute Nacht“, flüsterte sie wenig später. „Gute…“ Mich überfiel ein traumloser Schlaf. Als ich um sieben erwachte, lag sie neben mir, versunken in eine Welt, die nur ihr gehörte.

Teilten wir viel? Ja und nein. Alles in allem waren wir ziemlich verschieden. Und mochten uns vielleicht gerade deshalb. Sie las Tania Blixen, ich Natalia Ginzburg, sie trug helle Farben, ich dunkle. Musikalisch gab es einige Überschneidungen, immerhin. Der Saxophonist Joe, den ich ihr bald nach unserer Rückkehr vorstellte, gefiel ihr jedenfalls auf Anhieb, da hatte ich richtig geraten. Nun sind sie ein Paar. Seitdem trägt sie keine Kniestrümpfe mehr.