Decamerone Velikić

F 45

von Dragan Velikić

Übersetzung aus dem Serbischen von Mascha Dabić

1.

Zuerst kam der Tinnitus – ein Summen im rechten Ohr. Noch heute weiß ich nicht, ob als Folge einer Beschädigung meines Gehörs, oder aber auf eine persönliche Einladung hin.

Es war in der serbischen Kleinstadt Ćuprija, als ich meinen Militärdienst in der Artillerie absolvierte. Bevor meine Ohren dem Gedröhne der Haubitze 133mm ausgesetzt waren, waren es jahrelang Dezibel aus Verstärkern von Vox, Marshall, Fender, Wem und Orange, die  durch meine Gehörgänge geströmt waren. Als Student hatte ich nämlich ich in Rock-Bands gespielt. Wir probten in Kellern und machten irrsinnigen Krach.

Anfang Dezember 1978 lag ich mit einer starken Erkältung im Militärkrankenhaus meiner Kaserne in Ćuprija. Das Datum meiner Entlassung aus der Armee näherte sich, aber eine angekündigte Militärübung trübte meine Freude. Um jeden Preis wollte ich es vermeiden, im schneeverwehten Gebirge zu frieren und mich zu quälen. Also musste ich eine Strategie ausarbeiten, um meinen Krankenhausaufenthalt um einige Tage zu verlängern. Ein Turnusarzt gab mir den folgenden Ratschlag: Ich sollte über Schmerzen und Summen im Ohr klagen. Dann würde man mich nach Belgrad zu einer Untersuchung schicken, und zwar genau zum Zeitpunkt des Militärübung. So kam es dann auch. Später, am 21. Dezember, exakt an Stalins Geburtstag, wurde ich aus der Jugoslawischen Volksarmee JNA entlassen.

Ein Jahr später tauchte in meinem rechten Ohr ein Summen auf. Zu Beginn noch ganz leise, aber im Laufe der Jahre wurde es immer stärker. Egal wem ich davon erzählte, ich erntete stets die gleiche Reaktion: Lachen. Alle meine Freunde wussten Bescheid, wie ich mich seinerzeit vor der Militärübung gedrückt hatte. Sie versuchten mich davon zu überzeugen, dass es sich bloß um Autosuggestion handelte. Fachärzte konnten keine Schädigung des Gehörs nachweisen. Und dennoch hielt das Summen an. Es summt noch immer.

Begann ich mit dem Tinnitus, so genau auf meinen Körper zu horchen? Oder hatte die Selbstbeobachtung schon früher eingesetzt, damals, als ich zum ersten Mal ein Reserve-T-Shirt in meinen Rucksack gesteckt hatte? Oder als ich mir in einer kleinen Metallschachtel eine Hausapotheke angelegt hatte? Danach ging alles leichter, schneller und logischer. Das gilt für allem für Reisevorbereitungen. Unangenehme Überraschungen lauern nämlich gerade auf Reisen. Daher muss man sich gut schützen und mögliche Gefahren antizipieren.

Es begann mit Aspirin, einem Regenschirm und einem Fläschchen Johanniskrautöl – ein Balsam, der bei Entzündungen im Ohr Wunder wirkt. Später kamen ein Föhn und ein winziges Bügeleisen an die Reihe. Abgerundet wurde das Ganze durch einen kleinen Heizlüfter. Nein, hier geht es nicht um Eigenbrötlertum, sondern um den gesunden Menschenverstand. In Hotels kann es in der Zwischensaison schon mal sehr kalt werden. Ein kleiner Heizlüfter löst das Problem. Und so wurde er unter die ständigen Requisiten für Reisen mit aufgenommen.

Wozu jedoch das Bügeleisen? Dazu später mehr.

2.

Eine der ersten Erkenntnisse, die ich über mich selbst hatte, war, dass ich sehr stark zum Schwitzen neigte.

Nicht zu fassen, wieviel du schwitzt, Kind, sagte Mutter zu mir. Wenn du nicht aufpasst, ziehst du dir noch eine Lungenentzündung zu.

Und so begann ich, mich regelmäßig umzuziehen. Wenn ich mitten im Spiel feststellte, dass ich schweißgebadet war – das reinste Wasser, wie Mama sagte – lief ich nach Hause, zog mich um und lief wieder zurück in den Hof.

Natürlich fürchtete ich mich von klein auf vor der Zugluft, diesem hinterhältigen Killer. Insbesondere im Sommer war es gefährlich, im Gastgarten eines Restaurants neben der weit geöffneten Tür zu sitzen. Immer strömte ein Luftzug aus der Tiefe des Restaurants durch, ständig ging irgendwo eine Tür auf. Sicher war es nur im toten Winkel. Das ist mein Platz. Befinde ich mich allerdings in einer größeren Gesellschaft, wird es problematisch. Für solche Situationen habe ich mir eine Strategie zurechtgelegt, um unbemerkt den besten Platz am Tisch zu ergattern.

Ein Außenstehender mag denken, solche Handlungen seien merkwürdig und unnötig. Allerdings ist die Prävention stets eine Folge der Lebensumstände. In einer geordneten Gesellschaft, wie etwa in Japan, in der Schweiz oder in Deutschland, ist es nicht nötig, mögliche Unannehmlichkeiten zu antizipieren. Dort kann es einem nicht passieren, dass es in einem Waggon der Schnellbahn keine Toilette gibt, genauer gesagt, dass beide Toiletten kaputt und außer Betrieb sind, sodass der Fahrgast bei der ersten Haltestelle in Panik in den nächsten Waggon laufen muss, oder aber, falls die Zuggarnitur aus nur einem Waggon besteht, gezwungen ist, seine Reise zu unterbrechen, in die Bahnhofstoilette zu rasen und anschließend stundenlang auf die nächste Verbindung zu warten.

Immer wenn ich mit einem Lokalzug unterwegs bin, überprüfe ich einen Tag vorher am Bahnhof, mit welcher Garnitur ich am nächsten Tag unterwegs sein werde. Ich meide Schnellzüge, genau genommen die alte Serie aus den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, produziert mit deutscher Lizenz von der Fabrik Goša aus Smederevska Palanka. Diese Züge erinnern mich an riesige graue Konserven, die, anstatt in einem Museum zu ruhen, weiterhin in ganz Serbien über die Schienen schaukeln. In einem Waggon diesen Typs ist der Fahrgast faktisch abgeschnitten von der restlichen Garnitur, denn es ist unmöglich, während der Fahrt von einem Waggon in den anderen zu kommen.

Selbst auf kürzeren Reisen habe ich meine eigenen belegten Brote, Kaffee und Wasser dabei. In  approximativen Kulturen ist alles möglich, es kann also leicht vorkommen, dass selbst in einem internationalen Zug der Speisewagen nicht funktioniert, weil irgendjemand vergessen hat, die Gasflasche auszuwechseln. So musste ich auf einer Fahrt von Belgrad nach Wien den ganzen Tag Oliven und saure Gurken verzehren und altes Brot kauen – das war alles, was der Speisewagen zu bieten hatte. Seitdem lasse ich mich nicht mehr überraschen.

Bei langen Reisen im Sommer achte ich besonders darauf, aus welchem Material ich meine belegten Brote herstelle. Es handelt sich um Rezidive aus alten Zeiten, als Geschäfte und Metzgereien über keine Klimaanlage verfügten, und als es nicht gar so selten vorkam, dass Lebensmittel, die trockenes Fleisch enthielten, an der Grenze zur Ungenießbarkeit lavierten. Noch immer sehe ich die glänzende Schicht auf den dünnen Scheiben des Prager Schinkens, die für Augenblicke aufblitzte wie eine Qualle auf der Wasseroberfläche. Der Verkäufer hätte sich seine Erklärungen ruhig sparen können, von wegen, das sei keineswegs Schimmel, sondern lediglich die natürliche Reaktion des frischen Schinkens aus der Konserve auf den Sauerstoff.

Für lange Reisen hatte ich mir eine besondere Taktik zurechtgelegt. Den Prager Schinken kaufte ich an drei verschiedenen Orten, zu je hundert Gramm, wodurch ich die Möglichkeit, dass im Falle einer schlechten Qualität alle belegten Brote aus verdächtigem Material gewesen wären, ausschließen konnte. Erst später wurde mir klar, dass ich eine simple Tatsache übersehen hatte: Für eine Vergiftung genügte bloß ein belegtes Brötchen. Indem ich den Schinken in unterschiedlichen Geschäften kaufte, vergrößerte ich bloß die Wahrscheinlichkeit, mich zu vergiften. Das heißt, anstatt mit nur einer Patrone, spielte ich mit gleich drei Patronen Russisches Roulette.

Im Sommer geht die größte Gefahr vom ungewaschenen Obst aus. Ich wasche es immer gründlich aus, unter einem starken Wasserstrahl. Dennoch meide ich Obst auf Reisen, seit ich als Student eine unangenehme Situation erleben musste. Ich war unterwegs nach Belgrad, nach einem Urlaub in Pula. Sobald der Zug sich in Bewegung setzte, bat mir ein Mann, mit dem ich mir ein Abteil im Schlafwagen teilte, einen Apfel an. Ohne nachzudenken nahm ich den Apfel und biss kräftig hinein. In diesem Augenblick kam mir der Gedanke: Was, wenn der Apfel nicht gewaschen ist? Wie könnte ich das überprüfen? Ich kaute langsam den Bissen, dabei hätte ich ihn am liebsten ausgespuckt. Ich dachte, falls mein Reisegefährte seinen Sommerurlaub in einem Hotel oder im eigenen Haus verbracht hatte, wäre die Chance, dass er ungewaschene Äpfel mitgenommen hatte, minimal. Ich kaute ganz langsam am Apfel, genau genommen höhlte ich wie ein Specht die Frucht aus und ließ die Rinde unberührt. Die Nase hinderte mich dabei, tiefer ins saftige Fruchtfleisch vorzudringen. Immer wieder legte ich eine Pause ein, der Saft war schon in meine Nasenlöcher eingedrungen, ich fühlte mich als wäre ich verkühlt. Fast musste ich niesen. Geschickt erkundigte ich mich bei meinem Reisegefährten, wie er denn seinen Sommer verbracht hatte. Wo war er abgestiegen? Er erzählte, er würde den Sommer immer am Campingplatz verbringen. Ich wurde bleich. Ich hörte auf zu kauen. An Campingplätzen gab es oft kein Wasser. Der Mann hatte vermutlich die Äpfel nur oberflächlich abgewischt. Ich kaute weiter am Apfel, eigentlich nagte ich an der gleichen Stelle weiter und vertiefte die Öffnung, die beim ersten Bissen entstanden war. Als der Mann kurz beschäftigt war, während er seine Brille im Rucksack suchte, legte ich den Apfel diskret auf den Koffer und bedeckte ihn mit einer Serviette. Ich zündete mir eine Zigarette an und trat hinaus auf den Gang. Ich gab mich der Selbstbeobachtung hin. Keine zehn Minuten später spürte ich eine leichte Übelkeit. Schnell ab in die Toilette. Das flackernde Neonlicht über dem Waschbacken warf einen grünlichen Abglanz auf mein Gesicht, den gleichen Abglanz, den ich auf dem aufgeschnittenen Prager Schinken registriert hatte. Das musste wohl bedeuten, dass die Vergiftung bereits eingesetzt hatte. Zunächst verspürte ich keine Schmerzen, lediglich einen leichten Ekel. Aber bis nach Belgrad war es noch weit. Ich riss meinen Mund weit auf. Aufmerksam studierte ich im Spiegel meine ausgestreckte Zunge, die faltige Oberfläche, an deren Rändern Spuck-Tröpfchen glänzten. Oder war es schon Schaum, der eine intensivere Vergiftungsphase ankündigte? Ich kehrte in mein Abteil zurück und holte aus der Reiseapotheke zwei Flonivin-Kapseln heraus, um Durchfall zu verhindern. Den angebissenen Apfel packte ich in die Serviette ein und warf ihn in den Müll. Mein Reisegefährte schnarchte indessen bereits auf der oberen Liege.

3.       

Im Laufe der Jahre wurde die Palette meiner Beschwerden immer größer. Offenbar biete ich ein günstiges Biotop für Phobien. Beispielsweise trat die Klaustrophobie bei mir auf, nachdem ich im Juli 1976 in der Londoner U-Bahn-Station Holland Park in einem Lift stecken geblieben war. Eine ganze Stunde lang wartete ich zusammengepfercht mit anderen Menschen darauf, dass wir befreit wurden. Damals war die Terrororganisation IRA äußerst aktiv. Die Idee, der Lift könnte durch Sabotage stecken geblieben sein, rief Panik hervor. Eine Frau fiel in Ohnmacht. Der Liftboy drückte auf den Alarmknopf und schrie ins Mikrophon. Irgendwann war endlich eine Stimme aus dem Lautsprecher zu hören. Man ließ uns wissen, dass wir innerhalb einer halben Stunde befreit würden.

Dreiundzwanzig Erwachsene und vier Kinder – wie am nächsten Morgen der Evening Standard in seiner Stadtchronik verlautbarte – waren von drei Seiten lebendig eingemauert im Lift. Kein Strom. Ohne Panik schaute ich zu, wie der Liftboy mit einer Taschenlampe das Schloss der Nebentür ausleuchtete, die Tür aufsperrte und uns in einen anderen Lift eintreten ließ, der auf der gleichen Ebene wie unser Lift stehen geblieben war. Wir waren gerettet.

Als ich zwei Monate später aus London zurückflog, verspürte ich Übelkeit. Ich ging in die Toilette, sperrte aber die Tür nicht ab. Allein der Umstand, dass ich in einem Flugzeug bin, versetzt mich in die Position eines Gefangenen. Soll ich mich etwa zusätzlich noch einsperren und damit meinen Bewegungsradius einschränken? Was, wenn das Schloss kaputt geht? Es kommt zu Turbulenzen, das Flugzeug verliert an Höhe, stürzt in den Ozean oder prallt auf eine andere Wasseroberfläche; alle können sich retten, und ich allein soll in der Toilette eingesperrt untergehen? Deshalb sperre ich die Tür nie zu; ich stelle nur mit dem Fuß sicher, dass niemand eintreten kann. Natürlich kommt immer wieder jemand, weil das grüne Lämpchen anzeigt, dass die Toilette frei ist.

Es sind die Umstände, die eine Anspannung hervorrufen und negative Emotionen wecken. Anfang der neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts verbrachte ich vier Monate in Deutschland und entspannte mich fast vollständig. Allmählich befreite ich mich von der Angewohnheit, andauernd etwas zu überprüfen, das schlimmste Szenario an die Wand zu malen und mich im Vorhinein vor möglichen Unannehmlichkeiten zu schützen, denn in Deutschland kümmerte sich immer irgendjemand rund um die Uhr darum, dass die Züge pünktlich und in einem einwandfreien Zustand fahren, dass in den Geschäften keine abgelaufenen Lebensmittel zu finden sind, dass die Arbeitszeitenrespektiert werden, ganz gleich ob es sich um den Postschalter, den Würstelstand oder ein Büro in der staatlichen Verwaltung handelt. Umso stärker fiel der Schock aus, als ich wieder nach Serbien zurückkehrte. Der Krieg wütete in Kroatien und Bosnien. Man fuhr nunmehr über Ungarn in den Westen. Ungarn war jedoch die Brutstätte der osteuropäischen Kriminellen. Albanisch-serbisch-bulgarisch-rumänisch-ukrainische und sonstige Banden trieben ihr Unwesen, in Zügen, in der Budapester Metro, in Bahnhöfen und Parks. Die Kriminellen machten sich allerlei Tricks zunutze und betätigten sich als Straßenräuber und Taschendiebe. Manche Bandenmitglieder trugen sogar die Uniformen der ungarischen Polizei und waren mit gefälschten Dokumenten ausgestattet.

Zehn Jahre lang fuhr ich mit dem Zug nach Österreich und Deutschland über Ungarn. Mit Stolz kann ich verkünden, dass ich kein einziges Mal ausgeraubt wurde. Das habe ich meiner unablässigen Wachsamkeit zu verdanken, der stand-by-Positionierung meiner Intuition.

Zu meinen unabkömmlichen Requisiten beim Reisen durch Ungarn zählte ein Bootseil. Immer wenn in der Nacht am Gang eine Bande von Kriminellen auftauchte, verschloss ich die Abteiltür, zog die Vorhänge zu und befestigte anschließend ein Ende des Seils am Rahmen des Gepäcknetzes, während ich das andere Ende um die Türklinke wickelte und verknotete. Vergeblich versuchten die Diebe, die Tür aufzumachen, manchmal hatten sie sogar einen speziellen Schaffnerschlüssel dabei, weil sie dachten, die Tür sei zugesperrt. Sie mussten schnell aufgeben und zogen weiter. Die anderen Fahrgäste bedankten sich überschwänglich bei mir und baten mich, sie in die Geheimnisse der Seemansknoten einzuweihen. Ich zeigte ihnen den einfachsten Knoten – die Achter, wenn auch mein Lieblingsknoten, der sogenannte Palstek, ein wenig komplizierter war.

Das Leben unter Spannung ist für mich ein Normalzustand. Ich rieche die Gefahr in der Luft. Mir entgeht kein noch so scheinbar unwichtiges Detail. Mein Gehirn arbeitet durchgehend und schickt nützliche Informationen. Es ist unmöglich, mich zu überraschen. Und dennoch!

Oktober 1994. Ich war mit dem Zug unterwegs, von München nach Belgrad. Ich beschloss, bis Salzburg den kroatischen Zug Mimara zu nehmen, weil dieser über einen hervorragenden Speisewagen verfügte. Vielleicht wissen Sie nicht, dass in jenen Jahren der kroatische Zug Mimara und der Belgrader Zug Avala mit den besten Speisewagen in Südosteuropa aufwarten konnten. Im Unterschied zu den deutschen und österreichischen Zügen, wo es Fertiggerichte gab, Beutelsuppen und Gulasch aus der Dose sowie Tiefkühlgerichte, serviert in tadellosem Porzellangeschirr, klopften die Köche in Mimara und Avala noch selbst die Schnitzel und bereiteten alles frisch zu. Wer regelmäßig nach Deutschland und Österreich fuhr, wusste natürlich Bescheid, und so füllte sich der Speisewagen in beiden Zügen immer schon zehn Minuten nach der Abfahrt. Bis auf den letzten Platz. Eine komplette Mahlzeit kostete damals in einem kroatischen oder serbischen Zug so viel wie zwei belegte Brötchen an einem Bahnhofskiosk in München oder in Wien.

Ich betrat den Speisewagen von Mimara. Alles war voll. Ganz hinten erblickte ich einen freien Platz an einem Zweiertisch. Ich setzte mich zu dem dunkelhäutigen Mann in seinen Vierzigern, den ich als Gastarbeiter einschätzte. Vertieft ins Lesen einer Zeitung blickte er kaum zu mir hoch, er nickte mir bloß kurz zu. Vor ihm lag eine griechische Zeitung ausgebreitet. Der Kellner brachte die Bestellung meines Tischnachbarn. Er servierte ein Wiener Schnitzel und ein Krügerl Bier. Anschließend wandte er sich freundlich an mich. Ich bestellte in der reinsten kroatischen Sprache mit einem leichten Akzent aus Istrien Gulasch mit Gnocchi, Tomatensalat und einen Mandelkuchen. Nachdem ich all das so schön ausgesprochen hatte, ließ meine Konzentration gegen Ende nach, und ich beging den fatalen Fehler, den Kellner zu fragen, welche Weißweine anzubieten hätten.

Als der Kellner schließlich meine ekavische, also serbische Aussprache hörte, hob er bedeutungsvoll die Augenbrauen. Von den Weißweinen – er sprach es betont kroatisch aus – hätten sie Traminac und Graševina anzubieten. Damit schien er andeuten zu wollen: Ich habe dich entlarvt, Serbe.

Sein Lachen ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Der Kellner entfernte sich. Ich begann, mir in meinem Kopf ein Szenario auszumalen, dem zufolge der Kellner mir in der Küche Rattengift in den Gulasch mischt oder ein weniger gefährliches Gift, dessen Wirkung genau dann einsetzen würde, wenn ich eineinhalb Stunden später in Salzburg aussteigen würde. Der perfekte Mord! Denn während ich mich am Bahnsteig winden und einen schmerzvollen Tod erleiden würde, würde Mimara derweil in aller Ruhe nach Zagreb weiterfahren. Mein Giftmörder wäre dann schon in Kroatien, während ich in irgendeinem Krankenhaus in Salzburg mein Leben aushauchen würde.

Gulasch, Salat, Süßigkeit wurden serviert. Ich aß langsam, mit meinem Gaumen spürte ich ganz genau den Geschmack des Essens. Ein Genuss, vermindert durch die Angst, dass meinem Gulasch etwas beigemischt sein könnte. Ich kaue lange, als könnte ich mich auf diese Weise schützen. Gift ist schließlich kein Knochen, den man ausspucken könnte, sondern verteilt sich regelmäßig im Essen. Mein Tischnachbar hatte sein Schnitzel bereits verzehrt, ohne beim Essen mit dem Zeitungslesen aufzuhören. Unter einer griechischen Überschrift nahm ein Foto von Slobodan Milošević und Radovan Karadžić mehr als eine halbe Zeitungsseite ein. Ich ahnte, in Bosnien musste schon wieder etwas Schlimmes passiert sein.

In diesem Augenblick tauchten Grenzpolizisten im Speisewagen auf. Passkontrolle. Der Speisewagen füllte sich plötzlich mit kroatischen Reisepässen. Ich holte aus meiner Tasche meinen roten Pass hervor. Das griesgrämige Gesicht meines Tischnachbarn erhellte sich plötzlich.

Serbe, sagte er laut auf Deutsch. Ich bin Grieche, sagte er. Dann hielt er seine Faust in die Höhe. Milošević, bravo, bravo!

Die Gäste an den umliegenden Tischen schauten uns erstarrt an. Der Grieche ließ einen Monolog über die heuchlerische Politik Europas gegenüber Serbien vom Stapel. Die Polizisten kamen auf uns zu, wir reichten ihnen unsere Reisepässe. Der Grieche zeigte auf die Titelseite seiner Zeitung und sagte, nur sie, die Griechen, hätten die Nachricht überbracht, dass an einem kürzlich verübten Massaker nicht etwa die Serben die Schuld trügen, sondern jemand anderer. Der Polizist nahm derweil jede einzelne Seite meines Reisepasses in Augenschein. Der Schweiß strömte meinen Rücken hinunter, das Herz schlug schneller. Wenn der Typ gegenüber doch endlich aufhören könnte zu wiederholen, „Milošević, Serbe, Karadžić, Bosnien…”. Und dann verspürte ich Übelkeit. Die Vergiftung hatte also eingesetzt. Der Grieche setzte seine Lobgesänge auf die serbische Politik fort, die seines Erachtens Europa vor einer islamischen Invasion bewahrte. Seine Stimme wurde lauter, er schrie fast. Alle Gäste im Speisewagen schauten nun zu uns. Die Polizisten entfernten sich endlich. Ich bat den Kellner um die Rechnung. Den Griechen ließ ich wissen, dass ich nur bis Salzburg fuhr. Er bestand darauf, dass wir noch mit einem Getränk anstoßen sollten. Oder zumindest einen Kaffee trinken. Ich entschied mich für den Kaffee.

Espresso oder türkischen Kaffee, fragte der Kellner. Espresso, sagte ich.

Der Grieche setzte zu einer exaltierten Erklärung an, von wegen, der Kaffee, den sie da servierten, sei nicht türkisch, sondern griechisch. Mich schaute er zweifelnd an, als würde er sich fragen, wie es sein konnte, dass ein Serbe einen Espresso trank.

Er wollte wissen, ob man in Belgrad eher griechischen Kaffee oder Espresso trank?

Sowohl, als auch, sagte ich, um ihn aufzuheitern.

Wir verabschiedeten uns. Ich stieg aus und atmete am Bahnsteig die schneidende Herbstluft ein. Endlich war ich dem Grauen entkommen. Ich ging rüber auf die andere Seite, wo demnächst der Zug nach Wien einfahren sollte. Nach dem Pfeifton setzte sich Mimara in Bewegung. Am Fenster des Speisewagens stand der Grieche und winkte. Ich winkte zurück.

Grüße mir Serbien!, rief er.

Die Reisenden am Bahnsteig warfen mir drohende Blicke zu.

4.

Ich bin zutiefst davon überzeugt, die Hypochondrie ist eine ehrenvolle Art, sich die Ängste einzugestehen, die jeder mehr oder weniger in sich trägt. Hypochonder sind hypersensible Personen, die sich weigern, sich zu verstellen. Sie bilden sich nichts ein, das nicht bereits als eine Möglichkeit existiert.

Ich kann mich nur unter Zahlen entspannen. Ich habe mir eine eigene Kabbala aufgebaut. Die wichtigen Daten in meinem Leben habe ich vorhergesehen. Sogar mein Todesjahr. Meiner Kabbala zufolge ist die 4 die vollkommene Zahl. Ich erkläre meinem Sohn, dass diese Zahl am häufigsten auftaucht, wenn ich versuche, schicksalshafte Daten zu kalkulieren.

Er erklärt mir wiederum, dass alle Störungen, die mit Ängsten zu tun haben, mit 4 anfangen, so auch die phobischen Störungen, denen die Zahl 40 zugeordnet ist. Panikattacken und andere Angststörugnen werden mit 41 bezeichnet. Zwangsstörungen mit 42. Die Hypochondrie ist 45.

Ich frage ihn, unter welcher Zahl der Ordnungswahn zu finden ist? Warum denkt er, ich sei zwangsgestört, nur weil ich es nicht zulasse, dass mein Teller auch nur fünf Minuten nach dem Essen schmutzig oder meine gewaschene Wäsche über Nacht ungebügelt bleibt?

Da mein Summen im Ohr nicht wegging, versuchte ich, mich mit alternativen Methoden zu behandeln und nahm Pelagićs Handbuch über Volksmedizin zur Hand, wo für jede Krankheit ein natürliches Medikament angeführt wird. Gegen das Summen im Ohr schlägt Vasa Pelagić eine Therapie vor, die zwischen Mai und September zur Anwendung kommen kann: Man soll im Lauf von zwei Wochen jeden Morgen je eine halbe Stunde barfuß über Tau gehen.

Sieben Tage hintereinander stand ich in aller Herrgottsfrühe auf, suchte den Park in der Nähe auf, zog meine Turnschuhe aus und ging barfuß über das feuchte Gras. Nicht nur hörte das Summen nicht auf, sondern ich zog mir auch noch eine fürchterliche Erkältung zu, die dafür sorgte, dass das Geräusch in meinem rechten Ohr sich noch verstärkte. Zwischendurch hatte ich sogar Schmerzen, und ein alter Hals-Nasen-Ohren-Arzt empfahl mir, mein Ohr mehrmals am Tag für je fünfzehn Minuten das befallene Ohr an der Glühbirne der Tischlampe zu wärmen. Ziemlich unpraktisch, da ich in einer solchen Stellung nicht lesen kann, denn das Licht blendet mich zu stark. Dann hatte ich jedoch eine hervorragende Idee. Ich schaltete mein Bügeleisen ein, legte es auf den Schreibtisch auf der Höhe meiner Ohren ab und begann mit der Therapie. Die ganze Zeit las ich, und zwischendurch hielt ich mein Ohr an das Bügeleisen, mal näher, mal weiter weg. Im Unterschied zur Glühbirne wird das Bügeleisen nicht zu heiß. Einige Tage später war der Schmerz verschwunden, und das Summen war leiser geworden.

Seitdem verreise ich nicht ohne mein kleines Bügeleisen. Nicht etwa, um im Hotel meine Hemden bügeln zu können – obwohl auch das nicht ausgeschlossen ist – sondern um ein zuverlässiges Heizgerät zur Hand zu haben, sollte ich Ohrenschmerzen bekommen. Von allen Haushaltsgeräten ist mir das Bügeleisen am liebsten. Es braucht nicht viel Platz, ist leicht und geräuschlos, es zwinkert mir diskret mit seiner kleinen Lampe zu. Während es sich irgendwo in der Ecke abkühlt, wobei das Kabel dem Schwanz eines Tiers ähnelt, ist das Thermostat zwischendurch zu hören, sein kleines mechanisches Herz. Ich empfinde das Bügeleisen wie ein Lebewesen. Das Bügeleisen ist der Liebling meines Haushalts.

Mein Sohn, der Arzt ist und derzeit seine Facharztausbildung am Wiener Allgemeinen Krankenhaus an der Psychiatrie absolviert, meint, dass mein Bedürfnis, mich überall und in allem zusätzlich abzusichern, von einem fehlenden Gleichgewicht zeugt. Ich habe wohl keine Stütze. Daher die Ängste.

Er ist sogar der Meinung, dass ich unbewusst einen Einfluss auf seine Berufswahl hatte. Damit habe ich mich dahingehend abgesichert, dass ich jederzeit einen Arzt haben werde, der mir zuhören wird. Er kann sich erinnern, wie ich ihm zu seinem siebten Geburtstag im Spielwarengeschäft einen Arztkoffer und einen weißen Kittel gekauft habe. Tagelang konnte er sich von seinem Stethoskop nicht trennen.

Mein Sohn behauptet außerdem, dass ich unbewusst einen Einfluss auf die Wahl seiner Spezialisierung hatte. Noch immer weiß er nicht, ob er sich für Neurologie oder Psychiatrie entscheiden soll, weil ich noch immer nicht entschieden habe, ob ich den Alzheimer will oder mich mit dem Tinnitus zufriedengeben kann. Wenn ich denn eines Tages in die Demenz eintauchen sollte, könnte ich womöglich  meinen Tinnitus vergessen, mich meiner Ängste entledigen und schließlich eine Stütze erlangen.