Decamerone Abboud

Ich und meine Wurzeln

von Hamed Abboud

Im Januar 2020 erschienen gesammelte Geschichten von Hamed Abboud bei Edition Korrespondenzen im Band: „In meinem Bart versteckte Geschichten“ (Übersetzung Larissa Bender und Kerstin Wilsch)

1

Ein Baum ist immer und überall ein Baum,
sogar wenn er seine Koffer packt und sich davon macht.
In einem anderen Land würde er eine Impfung erhalten.
Wenn das Wetter rassistisch wird und der Wind um die Ohren weht,
schreit niemand auf.
Das Wetter kann sich an schlechten Tagen rassistisch verhalten.
Niemand sagt,
er sei weniger Baum oder sehe barbarisch aus,
wenn er
nackt
auf dem Gehsteig steht
und seine Blätter
auf dem Boden

liegen.

2

Als ich vor meinem Fernseher saß und den Ausblick auf das Aquarium darin genoss,
klopfte plötzlich die Frage an meine Tür:
Bin ich herzlos, wenn ich einen Goldfisch in meinen Bildschirm sperre?
Ist er frei, wenn ich den Fernseher ausschalte?
Oder tot?!

3

Wie kann es sein, dass ich
in der Küche Abwäscher bin,
in der Schweiz als Autor auftrete,
in Österreich als Flüchtling herumgehe.
Wie kann das sein, dass ich
in jedem Ort eine unterschiedliche Bezeichnung bekomme.

Wenn ich mich ins Bett lege,
welches von meinem Ich schläft und welches bleibt wach.
Sind es Träume, die ich im Schlaf sehe
oder flüstern mir meine Ichs Geschichten, um sich die Zeit zu vertreiben.

Entstanden meine Ichs, weil ich meine Wurzeln hinter mir ließ?
Ist das der Grund, dass ich kein Baum mehr bin?
Bin ich ein entwurzelter Baum?

4

In einen Topf pflanzte ich meinen

Finger

und wartete.
Nach vielen Nächten wurde ich benommen und machte die Augen zu
und fand mich in der Dunkelheit der Erde.
Mein Finger begann Wurzeln zu schlagen.

Seitdem fühlte ich mich nicht schwach,
ich konnte mit der Sonne sprechen,
ich wusste, dass es besser ist,
meine Wurzeln mit mir zu tragen.

Ein Selbstmord wäre leicht zu vollbringen.
Der Topf würde hinunterfallen und meine Seele würde

hinauffliegen

Ich beging ihn nicht,
sondern lebte lange Zeit
und alle Wurzellosen beäugten mich eifersüchtig.

5

In der Schweiz
umarmte mich einmal eine Österreicherin.
Sie sagte mir, ich sei einer ihrer Leute.
Vielleicht, weil ich in Wien wohne,
vielleicht entdeckte sie
ein paar versteckte österreichische Wörter in meinem Bart.
Seitdem wache ich als ein Schmetterling auf,
schön.
Ich weiß, dass Schönheit eine schwierige Entbindung erfordert.

6

Was, wenn ich Gott wäre und es nicht mehr wüsste?
Was, wenn ich vergaß, dass ich mit einer Geste meiner Hand den Wind bewegen könnte?

7

Was, wenn ich ein weißer Hase wäre,
mein Meister
sich mit einer hübschen Frau beschäftigen würde,
sein Hut weit oben auf der Ablage wäre
und ich nicht mehr verschwinden könnte?

8

Habe ich die Grenze überquert
oder hat sie mich überrollt,
als ich versuchte, meine Beine standhaft im Boden zu verankern.

9

Nicht schlecht, meine bisherigen Errungenschaften:
Streit an sonnigen Tagen,
Nacht-Jazz in der Früh,
kalter Kaffee in einer heißen Keramiktasse.
Stilsicher das Beste vom Schlechtesten zu wählen.
Gute Überlebensinstinkte für ein lausiges Leben,
ein gekonnter Sprung von einem sinkenden Schiff
und große Hoffnung,
dass der kommende Morgen eine Strafe bekommt und sich verspätet.

10

Ein depressives Gedicht in der Früh
lässt mich nicht depressiv zurück.
Es lässt mich wissen, dass es mir besser als dem Autor geht.
Wenn das gelingt,
lese ich es jeden Tag.

In der Früh,
wenn ich den Zucker auf das Gesicht meines Kaffees streue,
streue ich auch ein paar Gebete für die Abwesenden.

11

Frag bitte deinen Nachbar,
frag deinen Mitbewohner,
frag den Schaffner, den Briefträger,
frag die Nutte hinter dem Glas im Rotlichtviertel,
frag deine Freundin,
frag deine Mutter und deinen Politiker.
Alle wissen, wer du bist, obwohl du es nicht weißt.

12

Sie sagten mir, dass mein Fingerabdruck einzigartig ist.
Ich sagte, dass er die Verbindung aller Hände ist, die ich im Leben geschüttelt habe.
Jede hinterließ eine kleine gebogene Linie, die meinen Abdruck erschuf.

13

Egal ob du deine Zigarette vertikal oder horizontal hältst,
der Rauch weht immer hinauf.

14

Langweilig,
wenn du jeden Tag derselbe bist.

Eines Tages
war das Letzte, das ich gehört hatte, „Feuerzeug”.
Am nächsten Tag wurde ich von einem zum nächsten geborgt
und wanderte von einer Hosentasche zur nächsten.

Am Ende des Tages war das Letzte, das ich gehört hatte, „Bis morgen!“
Am nächsten Tag begegnete ich vielen Wartenden
und schenkte ihnen Hoffnung
.
.
.
.
aus.

15

Wenn du mich magst,
erscheine ich dir wie ein Blumentopf.
Wenn ich dich ärgere,
siehst du mich als ein Rasiermesser.

16

Wenn ich dich mag,
gebe ich dir meine Augen.

Wenn du mich ärgerst,
schließe ich meine Augen.

17

Wenn du als Mensch deinen Platz in der Welt nicht findest,
kämpf und kämpf,
gib niemals auf.
Dein Platz unter der Erde ist dir sicher,
geh nicht früher als deine festgeschriebene Zeit,
geh nicht unter, indem du den Kopf in den Sand steckst.

18

Was macht mich zu dem, was ich bin?
Was hat die Umstände geschaffen, die mich zu dem gemacht haben, was ich bin?
Solche Fragen müssen nicht beantwortet werden,
nur sorgfältig abgestaubt werden.

19

Du kennst meinen Vater nicht,
er legte mich jeden Tag ins Bett, als ich ein Kind war.
Ich wusste, wenn er die Tür zumacht,
dass meine Welt sicher war.
Ich wusste, dass er meine Träume bewacht.

Als Erwachsener,
weit weg von meinem Vater,
begann ich vorsichtiger zu träumen.
Alle verlief langsamer;
Die Träume blieben unerreichbar hoch oben und ich blieb beschwert unten.

20

Die Ferne ist hart;
um mich an meine Mutter zu erinnern,
habe ich neben meinem Bett eine kleine Flasche Hustensaft.
Um das Haus meiner Kindheit zu sehen,
verstecke ich meinen Kopf unter der Decke.

21

Was ist dein Lieblingswort?
Still dir vor, dass dieses gestorben ist,
an einer sprachlichen Krankheit
oder
in sein Herkunftsland ausgewiesen wurde.
Bestimmt weinst du,
trinkst du alles auf ex, in der Hoffnung, dass das ein Alptraum war?

22

Was bin ich ohne mein Aber,
das mich immer wieder geschützt hat.
Bin ich die gleiche Person vor und nach dem Aber
oder
zeigt sich mein wahres Ich erst danach?

23

Wie kann ich dieses Gedicht beenden,
ohne mein dickköpfiges Lieblingswort,
das nur den Kopf über Wasser halten will,
das zu allem führen kann,
das eine gute Idee zu einer großartigen macht,
das nur einen kleinen Zipfel von der versteckten Überraschung zeigt.

24

Es könnte ein leichtes Leben sein, aber…