Decamerone Veremej

Haus des Lehrers

von Nellja Veremej

Die meisten Gebäude, die den Berliner Alexanderplatz umsäumen, ähneln sich wie Geschwister: Kastenförmige Stahlskelette, gekleidet in Beton, Aluminium und Glas – den Geboten der Neuen Sachlichkeit folgend, verzichteten die Architekten des zwanzigsten Jahrhunderts auf Schmuck und warme Farbtöne, setzten auf Karo und Grau. Nur dem Haus des Lehrers wurde eine farbenfrohe Binde umgelegt – das 70 Meter lange Mosaikfries, das die Fassade auf der Höhe der dritten Stocks umfasst. Dieser bunte Streifen zeigt Bauern, Künstler, Wissenschaftler, Soldaten, Arbeiter und Lehrer und ihren märchenhaft heiteren Alltag; die nahtlos aneinander gereihten Szenen strahlen Lebensfreude aus und Glauben an eine lichte Zukunft.

Diese Kunstrichtung hatte in der Sozialistischen Zivilisation allerorten Hochkonjunktur. Auch in meiner Heimatstadt am Fuße der Kaukasischen Bergkette gab es öffentliche Gebäude mit solchen sorgenfreien Motiven, in Farbe, Gips, Metall, Keramik oder Glas ausgeführt. So auch die Schule, die ich in den siebzigern besuchte.
Die Stadt, wo ich mit meiner Großmutter wohnte, war klein und grün. Noch vor dem Krieg war sie ein Dorf gewesen. Entlang der breiten Leninallee gab es helle, pastellfarbene stalinistische Paläste aus den fünfzigern, in den anliegenden Straßen ragten etwa hundert mehrstöckige Wohnhäuser empor, in den anderen Bezirken, auch in unserem, lebte man wie auf dem Lande.
Wie die überwiegende Mehrheit aller Sowjetbürger blieb auch meine Großmutter im Kern ihres Wesens eine Bäuerin. Sie und viele Frauen in unserer Gegend trugen Kopftücher, die älteren Männer Lederstiefel, das ganze Jahr lang, und Schnurrbärte à la Stalin.
Ich hatte früher mit meinen Eltern an der Ostsee gewohnt, da waren die Menschen anders gewesen, moderner. Ich – die fünfzehnjährige – hielt mich auch für anders, für fremd hier im rückständigen Süden und schaute mit Verachtung auf meine Nachbarn herab. Aber noch mehr hasste ich mein unscheinbares blasses Gesicht, und meinen ungehorsamen hässlichen Körper, in dem mein grandioses, für die Welt unsichtbares Ich eingesperrt lebte. Und ich vermisste meine Mutter, die ihrem Ehemann, einem Geologen, auf eine Expedition gefolgt war, in ein anderes Leben, wo sie von jungen Menschen umgeben war, die von Entdeckungen schwärmten.
Im Haus meiner Großmutter aber wurde nur über Pastetchen-Füllungen nachgegrübelt und geträumt von edlen Wurstsorten. Im Haus gab es viele kleinere Zimmer mit geblümten Tapeten, langbeinigen Metallbetten und billigen Wandteppiche mit kleinen Quasten unten. Klein und stämmig war meine Großmutter eine herzliche und sehr tatkräftige Frau. In der warmen Jahreszeit machte sie Vorräte, im Winter verwaltete sie unsere strategischen Reserven. Ermüdet setzte sie sich abends vor den Fernsehen und schlief sofort ein. Lesen hielt sie für Zeitvergeudung, Bücher und Zeitungen erregten in ihr Verachtung und werden verbrannt, wenn sie nicht für Tütchen oder als Stöpsel taugten. So bewahrte sie sich vor den Versuchen des Staates sie aufzuklären und die Geister des Mittelalters konnten unter ihrem Kopftuch ungestört weiter leben.
Die Schleuse in das Neue, in die Moderne, in die Zukunft war unsere Schule, die hoch über den niedrigen Dächern ragte – ein grauer Betonwürfel mit breiten Fluren und großen Fenstern. In den Klassenzimmer hingen Weltkarten, Porträts und Ansichten der Weltmetropolen, die in meinem Herzen eine vage Wehmut weckten und Sehnsucht nach einem anderen Leben. Ich hasste meine Stadt, meine Schuluniform und meinen Alltag. Ich war verzweifelt. Und dann kam sie, Vera Omarovna in mein Leben.
Es war am ersten Tag meines neunten Schuljahres. „Das ist eure neue Lehrerin für Muttersprache und – Literatur, frisch aus der Universität. Ihr werdet sie sicher ins Herz schließen“ – sagte der Direktor und ging hinaus.
Ein leichtes Raunen huschte durch die Klasse – letzte Stunde, draußen schien die Sonne. Literatur war bei uns nicht sonderlich beliebt und diese neue Lehrerin sah eher uninteressant aus – sie hatte keine langen Haare und keine langen Beine, keine bunte Hippie-Bluse oder Schlaghose. Sie trug eine langweilige Pagen-Frisur, ein graues Kostüm mit geradem Rock und Pumps mit hohen Absätzen. Ihr Gesicht mit der schmalen Adlernase schien banal, ungewöhnlich große, in Gold eingefasste Amethysten in ihren Ohrringen passten eher zu einer älteren Dame als zu jemand, der eben noch Moskauer Studentin gewesen war. Sie sagte nichts, wartete bis das Raunen verstummte, hüstelte sich den Hals frei und sagte:
„Ich liebe Bücher über alles und will, dass ihr das auch tut. Es ist mir sehr, sehr wichtig.“ Sie machte einen Schritt nach vorne, fuhr ihr Kinn hoch und unterrichtete uns über Vorteile ihres Faches. Sie redete laut, eindringlich, und schnitt mit der Handfläche die Luft in Scheiben, als ob sie ein Gedicht über Helden der Revolution vortragen würde. An das Loblied der Literatur kann ich mich auch heute nach mehr als 40 Jahren gut erinnern, nicht wörtlich natürlich.
Nicht Werkzeug hätte uns den Sprung vom Tier zum Mensch ermöglicht, wie Marx behauptet, und nicht die Liebe, wie Backfische in ihre Alben schreiben, sondern Literatur, verkündete sie resolut und überschüttete uns mit Beweisen:
„Eine Sau kann selbstlos lieben, ein Rabe kann Werkzeug benutzen, Biber können Häuser bauen, aber Geschichten erzählen – das kann nur ein Mensch. Eine Geschichte ist ein Fahrschein für eine Reise quer durch die Jahrhunderte und quer durch die Welt – ohne Mühe und Geld kann man an einem Abend Altbabylon, Stadt der Macht, besuchen und Paris, die Stadt der Liebe. Länder, Dörfer und Kontinente liegen einem Lesenden zu Füßen. Und mehr noch: Literatur ist die einzig wirksame Tablette gegen das Verschwinden, gegen den Tod, vor dem wir uns alle so fürchten! – während sie das sagte, schaute Vera Omarovna zu mir, als ob sie gewusst hätte, dass ich in dieser Phase meines Lebens viel über den Tod nachdachte und seine Unabwendbarkeit. „Wird die Welt merken, falls oder wenn ich nicht mehr da bin?“ – diese Frage quälte mich Tag und Nacht – ich war ganz Ohr.
– Die meisten Menschen, die unsere Erde vor uns bewohnt haben, sind weg, verschlungen von dunklen Abgründen. Nur solche, die das Geheimnis des geschriebenen Wortes kannten, sind weiter unter uns – wir kennen ihre Namen, wir hören ihre Stimmen. „Lies, lies bitte meinen Namen laut vor, du der diese Schrift siehst, für dich ist es leicht wie ein Atemhauch, und für mich heißt es ewiges Leben!“ – solche Botschaften für die Nachwelt ließ man im alten Ägypten in Stein meißeln, und tatsächlich sind ihre Stimmen auch nach tausenden Jahren unter uns. Nicht Zahl“, -Vera Omarovna stach mahnend mit dem Zeigefinger gen Himmel, -„und nicht Bild ist der Speicher der Ewigkeit, sondern Buchstabe, Wort, Geschichte, Literatur!“
Mit ihrem langweiligen, grauen Anzug, dem schmalen Gesicht und großen, etwas schiefen Zähnen war sie keine Schönheit im gängigen Sinne, aber sie trug ihren Kopf hoch wie eine Königin, sie roch gut, sie war größer als die anderen Lehrerinnen, eigentlich war sie sogar zu groß, zu schwer, aber das spielte keine Rolle. Wenn diese unbekannte dicke Frau mir befohlen hätte, aus dem Fenster zu springen, hätte ich das im selben Moment getan – ich lag ihr vom ersten Augenblick an zu Füßen, genauer gesagt: den erhabenen Wörtern, die in ihr lebten.
Manchmal war sie laut, manchmal hochmütig, lustig oder giftig – aber sie war nie gleichgültig und ihre tiefe laute Stimme füllte das Zimmer restlos. Ihr Versprechen, uns in das andere, parallele Buchuniversum verliebt zu machen, hat sie erfüllt. Es gelang ihr, uns die verstaubten Klassiker als Stars zu servieren – Puschkin war nicht Stolz der Nation und Hofdichter, sondern ein frecher Herzensbrecher und fröhlicher Sünder. Gogol, der im unseren Lehrbuch als ein braver Kritiker des zaristischen Russland und Bauernfreund galt, präsentierte Vera Omarovna als einen erbärmlichen Neurotiker, fromm und widerlich: Seine Haut hatte einen kranken, gelblichen Tein, sein glattes Haar war speckig, seine Ohren voll Schmalz, seine Lieblingszerstreuung war, Eidechsen mit dem Stock zu erwischen, um dann zu beobachten wie sie, die Scheusale, qualvoll verenden. Und dennoch tat er uns leid, als er langsam dahinsiechte, durch religiösen Wahn zerstört, zerfressen von der Angst, lebendig begraben zu werden.
Wenn der Schulstoff keine spektakulären Szenen bot und die Spannung in der Klasse nachließ, steuerte Vera Omarovna eine bombastische Geschichte aus ihrer privaten Sammlung bei: Ich weiß immer noch, dass die Novellen von Herbert Wells eine enorm bannende Wirkung auf uns hatten. „Die Insel von Dr. Moreau“ bleibt für mich bis heute in ihrer Gruseligkeit unübertroffen. Der Protagonist gerät auf eine abgelegene Insel, die nachts durch furchtbares mysteriöses Geschrei erschüttert wird. Langsam kommt der Held dem schaurigen Geheimnis auf die Spur: Ein Wissenschaftler operiert Tiere, um ihnen eine Menschengestalt zu verpassen und zwingt diese Kreaturen mit Gewalt sich entsprechend zu benehmen – es ist ihnen verboten auf allen vieren zu laufen und zu jagen. Aus Angst, wieder auf die sadistische Schlächterbank zu geraten, halten sich die Kreaturen an die Regeln, aber nicht lange… Damals waren wir von dem Text stark beeindruckt, ja geschlagen, ohne zu wissen, dass diese 1898 verfasste Geschichte die wichtigste Fragestellung des kommenden zwanzigsten, also unseres Jahrhunderts voraussah: Darf man Menschlichkeit mit unmenschlichen Mitteln durchsetzen?
Ob Helden der sozialistischen Arbeit, Shakespeare oder Mark Twain – sie alle waren in der Darstellung unserer Lehrerin keine Schablonen mehr, sie waren Menschen voll Blut, Leidenschaft, Rotz und Liebesdurst wie wir.
Vera Omarovna verstand es gut, uns zu reizen, uns zum Reden und zum Schreiben zu bewegen. Unsere Aufsätze zu verschiedenen Themen sammelte sie dann ein und besprach die Texte mit jedem einzelnen Schüler separat.
„Ich habe dein Opus gelesen.“ – sagte Vera Omarovna, als wir uns eines Tages auf dem Heimweg begegneten. Wir liefen ein Stück nebeneinander. Mit ihrem eleganten Anzug wirkte sie in der dorfähnlichen Gegend fehl am Platze, ihre hohen Absätze versanken bis zur Hälfte im Staub. „Willst du reinkommen? “ – sie blieb vor dem Zauntor stehen und winkte einladend mit der Hand.
Sie wohnte mit ihrem Freund zusammen, das Paar mietete ein Zimmer in der benachbarten Straße.
Wir liefen durch den mit Weintrauben zugewucherten Hof am Haupteingang vorbei und blieben vor der niedrigen Tür stehen. Ein winziger Flur mit der Kochnische, WC, Dusche und das Zimmer mit einem Fenster, das mit gelben Gardine zugezogen war. Die Hälfte des Raums war durch ein unaufgeräumtes Bett besetzt, das die Gastgeberin gleich mit einem karierten Tuch bedeckte und mir als Sitzgelegenheit anbot. „Es ist eng hier, dafür aber haben wir einen eigenen Eingang, das ist uns wichtig. So sind wir frei“. Während sie uns im Flur Tee bereitete, schaute ich mich um.
Auf der Stuhllehne hingen mehrere Männerhemden, über ihnen wallte eine hauchdünne Damenstrumpfhose, deren Fußspitzen in die gleiche Richtung zeigten. Auf dem Tisch lagen Pinsel und Stifte und Papierblätter, die Vera Omarovna wegschob, um Platz für zwei Tassen freizuräumen.
„Ist ihr … Mann ein Maler?“
„Ja. Jusuf ist ein toller Künstler, ja.“ – sie reichte mir die Tasse und fischte mein Heft aus ihrer Tasche: „Lies bitte laut vor!“
Das vorgegebene Thema des Aufsatzes lautete: „Ein Tag aus dem Leben meiner Familie“. Ich hatte mich lange gequält, etwas Bemerkenswertes in unserem – meines und meiner Großmutter- unscheinbaren Alltag zu finden. Eigentlich hatte ich vorgehabt, meine dumme Großmutter, die so einfach wie ein geschäftiges Murmeltier lebte, zu denunzieren, sie klein zu machen und mich über ihrer Kleinheit zu erheben, aber meine Lehrerin las das anders:
„Dir ist ein wunderbares Porträts gelungen! Vor allem die Stelle, wo deine Großmutter sich mit dem schwarzen Huhn streitet, oder hier“ – sie schlug das Heft auf.
„Ihre Hände sind rissig wie Wurzeln, sie ist klein und stämmig und hat eine Entennase und schwarze Augen. Die Fäuste in die Seiten gestemmt, steht sie, die Glückliche, vor den frischgebackenen Teigtaschen – alle gleich, alle mit glatten Rücken wie ein Regiment riesiger Käfer.- las sie laut und fügte nach einer kleinen Pause hinzu: „Wun-der-bar! Tolle Arbeit, große Begabung!“
Ich nippte an meinem Tee, der immer noch so heiß war, dass ich mir den Mund verbrühte. Die Hitze und der Schmerz drangen durch mein Körper wie ein Stromschlag. Mein Leben war verwandelt. Vera Omarovna schien meine Verwirrung nicht zu bemerken, sie reckte sich, schloss ihre Hände am Hinterkopf, lehnte sich weit zurück und schaute mich aus schmalen, aufmerksamen Augen an:
„Deine Eltern arbeiten im Norden, habe ich gehört?“
„Meine Mutter und ihr Mann, der Geologe“, präzisierte ich mit Nachdruck
„Wie spannend! Ein Leben voll Abenteuer. Mein Jugendtraum – bärtige Männer, Tage voll Entbehrungen und weiße Polarnächte. Aber mein Vater war dagegen. Er ist sehr streng, Kommunist, alte Garde und großes Tier in der Partei“, während sie so plauderte, legte sie ihre schweren Ohrringe ab, ihre engen Schuhe und zündete eine Zigarette ein.
Dieser Tabakdunst, dieses sündhafte Durcheinander von Männer- und Damenkleidung, diese schmalen, gepflegten Füße, ein halbzimmergroßes Bett, Pinsel und Farben – dieses Zimmer war ein Zauberkasten. Ein Windzug spannte die Gardine wie ein Segeltuch auf, Zigarettenqualm wogte über unseren Köpfen wie Wolken, ich fühlte mich für einen Augenblick seekrank. Vera Omarowna war die erste Frau, die ich jenseits der Leinwand rauchen sah. Und die erste Frau, die zur Miete wohnte, und dazu mit einem Mann, der nicht ihr Ehemann war.
„Wenn du bereit bist, auf mich zu hören, bereite ich dich auf den Literaturwettbewerb der Schulen vor – willst du?“
Noch vor kurzem hatte ich mich hier ganz klein und verklemmt gefühlt, und nun wurde ich plötzlich groß und allmächtig, fast ebenbürtig mit der wunderbaren Frau, die mir ein geheimes Bündnis angeboten hatte.
Diese Minuten machten all die Jahre wett, die ich mich hässlich und verloren gefühlt hatte – mein Leben hatte auf einmal einen Sinn – meine Lehrerin nicht zu enttäuschen.
Bald stellte sich heraus, dass alles, was ich für Vera Omarovna und für ihr Lob machte, auch mir guttat. Als ich auf ihren Rat nach Leningrad zum Studium ging, war sie stolz auf mich. Als ich in meinen ersten Ferien nach Hause zurückkehrte, waren wir wie Freundinnen. Aber später, während der Wende, die Millionen Bürger der ehemaligen Sowjetunion betäubte, zertrampelte oder auseinander schleuderte, verlor ich sie aus dem Blick.
Als ich meine Großmutter Anfang der Neunziger besuchte, wohnte Vera Omarovna nicht mehr in der Stadt und niemand wusste, wo sie war.
Die Nachbarn erzählten, dass ihr Freund kein Künstler gewesen sei, sondern ein Geldfälscher, der dann untertauchen musste. Diese Gerüchte kompromittierten meine Lehrerin in meinen Augen keinesfalls – im Gegenteil. Verschollen und unerreichbar verwandelte sie sich in einen Mythos. Im Geiste redete ich oft mit ihr, versuchte aber nicht, nach ihr zu fahnden.
Es sind vierzig Jahre seit meiner Schulzeit vergangen,vor einiger Zeit aber begegnete ich dann im Internet Menschen, die mir Auskunft über meine Lehrerin geben konnten: 1993 war Vera Omarovna mit ihrem Mann nach Israel ausgewandert, von da siedelten sie in die USA über, wo ihr Sohn zur Welt kam – ihr spätes Glück. Die Familie wohnte in einer Stadt an der Grenze zu Kanada, deren Name mir nichts sagte. Eine Antwort auf meine Mail kam schnell, wir verabredeten uns zu einem Telefongespräch.
Ich war beinahe ohnmächtig, als ich ihre Stimme hörte, sie wusste sofort wer ich bin und überschüttete mich mit Fragen. Meinen Lebenslauf reduzierte ich auf ein Dutzend Sätze. Ich fasste mich kurz, und fragte, wie es ihr geht. Vera Omarovna erzählte, auf welchen Wege sie in die USA gekommen waren, wie schwer sie es am Anfang hatten und wie gut es ihnen jetzt geht. Ihr Sohn arbeitet als Notar, sie und ihr Mann führen ihre eigene Firma, die „Cleaning-Star“ heißt. Sie beschäftigten über hundert Reinigungskräfte und diese machen Einkaufshallen und Bürohäuser sauber und zwei sehr prominente Anwaltskanzleien. Bald hoffen sie, sogar von der Stadtverwaltung Aufträge zu bekommen, weil ihre Firma einen sehr guten Ruf hat. „Bei uns wird nicht irgendwie mit einem schmutzigen Mob hin und her gefahren. Wir kommen unangekündigt und gucken, was unsere Arbeiter so machen. Wenn sie faul sind, fliegen sie sofort raus.“ Sie redete und redete, und von Minute zu Minute stieg meine Ungeduld: wann wenden wir uns unseren, wichtigen Themen zu?
Ich hatte mich für dieses Gespräch den ganzen Tag lang vorbereitet, schöne kluge Sätze im Kopf zurechtgelegt, mit denen ich vor meiner Lehrerin glänzen könnte. Während ich mich für dieses Gespräch rüstete, sah ich vor meinem inneren Auge, wie Vera Omarovna zum ersten Mal vor unserer Klasse erschienen war. Wie sie die Buchstaben pries, die Wunderwaffe gegen Tod und Verschwinden. Diesmal am Telefon aber hörte ich kein erhabenes Wort, war keine Rede von ägyptischen Epitaphien, griechischen Götter oder der heiligen russischen Literatur, ihre Begeisterung galt ihren Pelzmäntel und ihrem Haus mit dem Swimmingpool, 50 x 30. Sie klärte mich lange über die Parameter ihrer drei Autos auf, eins von ihnen lag ihr besonders am Herzen:„Es ist ein Löwe, ein Wunderwerk! Ich schicke dir gleich ein Foto.“
Still und geduldig hörte ich mir an, wie Vera Omarovna mit ihrem Mann und ihrem Sohn neulich einen Ausflug in ihrem Mercedes zu den Niagarafällen gemacht hatten.
Meine Ohren schmerzten. Ich hoffte im Geheimen, dass der Augenkontakt etwas ändert könnte und schlug vor, die Kamera einzuschalten. Sie schickte sich gleich an, ihr Haus zu zeigen, aber als erstes sah ich sie, meine Lehrerin. Sie sah etwa älter aus als ihre 65, obwohl ihr Haar schwarz gefärbt war, was ihr nicht stand. Genau so wenig passte dieses Haus zu ihr, voll Plüschtieren, Orchideen, Ledersofa, Vasen und dicken Teppichen. Kein einziges Buch, nirgendwo.
„Meine einzige Sünde!“ seufzte Vera Omarovna laut, als eine Schachtel „Toffifay“ in die Kamera geriet. „Ich habe Diabetes, aber ich kann die Finger nicht davon lassen.“
Wenn sie über ihren kranken Körper erzählt hätte und über ihr Leiden, hätten wird uns vielleicht wieder näher kommen können. Aber Vera Omarovna erzählte von ihrer privilegierten Krankenkasse, von Beiträgen, Zuschüsse und Rabatten – es war nicht auszuhalten, die Zahlen und Ziffern klirrten schmerzhaft in den Ohren.
„Die Buchstaben“, sagte ich leise.
„Was?“ – fragte Vera Omarovna.
– Die letzten zwei Buchstaben sind bei uns anders, hier heißen diese Bonbons „Toffifee“, mit EE am Ende “, sagte ich und verabschiedete mich höflich.
Seitdem habe ich mich nicht mehr bei ihr gemeldet. Aber ich schaue mir oft das Foto in meinem Handy an, das sie mir nach unserem Telefongespräch geschickt hat : Ihr hagerer Mann, ihr rundlicher Sohn und sie viereckig wie ein Schrank standen neben einem schwarzen Auto, in dessen hinterem Fenster ein Plüschtier zu sehen war, ein Tausendfüßler mit bunten Gliedern, runden Augen und breitem, hohlem, idiotischem Lächeln. Wenn ich das Gesicht von Vera Omarovna mit Zoom vergrößere und es ohne ihr pechschwarzes Haar, ohne Swimmingpool und Tausendfüßler sehe, wird mir jedes mal klar, dass ich sie immer lieben werde.
„Wenn meine Lehrerin nur keine Cleaning-Firma, sondern einen Karusselbetrieb, ein Spielkasino oder Restaurant hätte! Und statt Mercedes einen alten Jeep!“, ärgerte ich mich anfangs. Inzwischen habe ich mich beruhigt – was geht mich an, wie sie heute lebt und was sie liebt? Ich war die Raumkapsel und sie war meine Raketenträgerin, die mich auf meine Bahn geleitet hat, der ich jetzt folge – ich arbeite an einem Buch über Alexanderplatz und bin hier oft unterwegs. Dabei zeigt sich der Platz als ein launisches und mächtiges Wesen, das andauernd seine Stimmung, seine Kleider, sein Gesicht wechselt – mal ist er mit Marktbuden umstellter Basar, mal Korso, mal Wunder des urbanen Minimalismus. Eine gewaltige Verkehrsschleuse und Oase billigen Shoppens  füllte er sich bei Tageslicht mit Vorbeieilenden, Spaßsuchenden und Kaufsüchtigen. Heute aber hat die Seuche die meisten Besucher wegretuschiert. Ich drehe eine Runde über den gespenstisch leeren Platz und bleibe vor dem Haus des Lehrers stehen. Ein Glück, dass das bunte lange Mosaik nicht abmontiert wurde, wie es mit vielen Kunstwerken dieser Art nach der Wende geschah – die Bilder sind voll großer Geschichte und dramatischer Geschichten: Wie eine Halbstadt zur Hauptstadt wurde oder wie der Alexanderplatz im geteilten Berlin in der DDR Karriere machte, von einem sozialen Brennpunkt zum beliebten Hauptstadtzentrum.
Ich liebe diese Bilder, für mich sind sie eine Luftbrücke in meine Kindheit, in meine Jugend, als eine inzwischen versunkene Zivilisation alles auf kollektiven, verordneten Zukunftsoptimismus setzte und dabei den Kampf um die Gegenwart verlor.