Forgotten Dreams – Straße

Straße

 

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Es war ein wunderschöner Sommer in den Mountain Hills von Harpers Ferry. Die Vögel zwitscherten, Paare bummelten in der Stadt umher und schwärmten in unser Lieblings-Eiscafé. Es war der perfekte Sommer, doch ich saß alleine auf der Bank am See unseres ersten Dates. Ich traf meine Frau bereits im Kindesalter. Wir verstanden uns vom ersten Augenblick an. Doch wie so viele andere Dinge im Leben, war diese Zeit nur ein Wimpernschlag in meinem Dasein. Wir gingen beide auf die Baxter High. Auch, wenn wir uns keinerlei Beachtung schenken wollten, veränderte diese Begegnung mein Schicksal. Nach der Trennung meiner Eltern durchstreifte ich häufig die Wälder, um meine Sorgen für einige Momente vergessen zu können. Dort traf ich sie mit ihrem kleinen Hund. Ihre mandelbraunen Augen funkelten in der Sonne, doch ich traute mich nicht, sie anzusprechen. Einige Minuten später nahm ich all meinen Mut zusammen und rannte die Strecke zurück. Nach all den Jahren des Schweigens sprach ich sie an. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, wieder den Klang ihrer Stimme zu hören. Es war, als wäre die Zeit stehen geblieben. Wir verstanden uns auf Anhieb und verabredeten uns für ein Treffen am See. Der See wurde Treffpunkt immer weiterer Treffen und schließlich der Entstehungsort einer Liebesgeschichte. Ich küsste sie das erste Mal auf jener Bank, von der ich nun schreibe. Aus einer anfänglichen Freundschaft wurde eine feste Beziehung. Bis vor vier Jahren. Es war ein heißer Sommertag, an dem sie ging. Ebenso sonnig wie der Tag unseres ersten Kusses. Es waren nun mehr als vier Jahre, an denen ich jeden Tag auf dieser Bank sitze und mich sehnsüchtig an die alte Zeit zurückerinnerte. Das Schicksal hatte sie mir ohne Vorwarnung genommen. Ich versank mehr und mehr in einer tiefen Depression und versuchte diese im Alkohol zu ertränken. Ich wusste genau, dass ich sie ab dem 4. April 1985, dem Tag ihres Unfalls, nie wiedersehen würde. Dieses Gefühl der inneren Leere würde ich wohl nie wieder loswerden. Ich saß alleine zuhause und sah mir Bilder an, auf denen glückliche, aber dennoch vergangene Momente konserviert waren. Noch nie hatte sich das Haus so groß angefühlt. Vergangen waren die Tage, an denen hier das Leben Einzug hielt. Nun gab es nur noch die Stille. Wie sollte ich je wieder glücklich sein? Ich nahm eines der vielen Bilder von der Wand und wischte den Staub mit dem Ärmel ab. Es zeigte Lisa und mich in den Rocky Mountains. Dort wollten wir uns immer ein kleines Haus kaufen, wo wir uns zur Ruhe setzen konnten. In diesem Moment ahnte wohl keiner, was geschehen würde. Auf einmal riss mich ein ungewohntes Kribbeln aus den Gedanken. Noch nie hatte ich etwas Derartiges gespürt. Als würde mir jemand sagen wollen, ich solle an diesen Ort gelangen. Ich wägte ab. Was hielt mich hier an diesem leeren, trostlosen Ort der Vergangenheit? Ich kündigte meine Arbeit und packte meinen Koffer. Nachdem der Motor meines alten 1988er-Chryslers C-300 ertönte, verließ ich die Stadt in Richtung des High Way 65. Hier fuhr ich früher jeden Tag zur Arbeit. Auch, wenn der Highway umgeben von einer monotonen, wüstenartigen Landschaft war, fühlte ich mich das erste Mal seit vier Jahren wieder lebendig. Die Sonne verschwand langsam am Horizont und zwang mich meinen Blick auf den linken Fahrbahnrand zu lenken. Dort schimmerte etwas am Horizont, was ich auf meinen Fahrten noch nie wahrgenommen hatte. Ich stellte den Wagen am Fahrbandrand ab, um einen genaueren Blick wagen zu können. Es war ein riesiges Schild mit der Aufschrift „Forgive“. Woher kam dieses Schild? Und warum war es mir auf den jahrelangen Autofahrten nie aufgefallen? Plötzlich spürte ich wieder dieses Kribbeln und hörte eine Stimme zu mir sprechen. Es war jene Stimme, die ich das erste Mal als Kind in den Wäldern von Harpers Ferry gehört hatte und die mich von Beginn an verzaubert hatte. Ich sah diesen Moment als Zeichen des vergebens, weshalb ich auf die Stimme hörte und Lisas Todesfall als Zeichen des Neubeginns betrachtete. Fortan führte ich ein erfülltes Leben, ohne Alkohol und den ständig näher rückenden Depressionen in meinem Kopf.

Von: Luca Severin, Klasse 12, Oberschule an der Egge